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blog 2.1

Spätvorstellung.

Manchmal, wenn ich abends nach Hause komme und die Gedanken um unerledigte Aufgaben und die Sorgen um das Wohl dieser einzigen Welt sich zu mir auf das Sofa gesellen, schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie Björn Höcke in seinem Garten in Bornhagen kniet. Behutsam schiebt er die lockere Krume beiseite und setzt eine Lilientraube in die Erde. Ich stelle mir einen Bilderbuch-Nazi mit Fleischhaube vor, der mit pulender Angst im Rumpf im Wartezimmer eines armenisch-stämmigen Internisten auf das Ergebnis seiner Darmspiegelung wartet. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sehe denselben nach positivem Negativbefund sich im Rialto ein Blaubeereis kaufen - mit Schlagsahne -und ein Selfie senden: Mir geht´s gut. Hab dich lieb. Ich visualisiere eine Träne, die über Donald Trumps rechte Wange rollt. Oder war es die linke? Auf ihrem Weg hinterlässt sie jedenfalls eine sanft-salzige Spur auf seiner offenporigen Haut, bemerkenswerterweise, ohne dabei spürbar kleiner zu werden. Ich wende mich ab und stelle mir vor, wie Beatrix von Storch sich vorstellt, wie es wäre, mit einer Frau zu schlafen. Ich stelle mir Abu Bakr al-Baghdadi vor, der einen Marienkäfer vor dem Ertrinken rettet. Ich stelle mir vor, wie ich Abu Bakr al-Baghdadi vor dem Ertrinken rette, nachdem er erfolgreich einen Marienkäfer vor dem Ertrinken rettete. Zäsur. Augen auf. Augen wieder zu. Ich stelle mir vor, dass Horst Seehofer seiner Karin einen Gutenachtkuss gibt, der so voller Liebe ist, dass es für viele reichte. Ich male mir aus, wie Matteo Salvini Silvio Berlusconi einen Gutenachtkuss gibt. Ich stelle mir Kim Jong-un vor, der sich Sorgen macht. Ich stelle mir vor, dass meine Vorstellungskraft Grenzen hat. Und dann öffne ich die Augen und das Licht blendet mich und gerade mal zwei, drei Minuten sind vergangen, und ich wende mich lächelnd meinen unerledigten Aufgaben zu.

(Illustration: Desna Marleen Wackerhagen)


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